Güzin Kar – Schlager fürs Ambiente

 

 

 

Wann immer ich als Kind meine Eltern auf einen Sonntagsbesuch bei Bekannten begleiten musste, und das kam öfter vor, als mir lieb war, wusste ich, dass sich die späteren Evaluationsgespräche um die Sofagarnitur im Gastgeberheim drehen würden. An deren Qualität liess sich der Selbstwert ablesen, den die Familie sich zugestand. «Hast du gesehen? Der Sessel war abgewetzt, das Sofa wackelte, und die Möbel waren alt.» Untrügliche Zeichen dafür, dass die Familie sich mit dem Hausbau in der alten Heimat übernommen und verschuldet hatte. Im Idealfall hatte die unverzichtbare 3-2-1-Kombination wuchtig, unbenutzt und kunstledrig oder zumindest dunkelbraun zu sein.

Ich bin unter Sizilianern und Türken aufgewachsen, und wer bei der Arbeit herumkommandiert wurde, wollte wenigstens abends massiv und unverrückbar ruhen. Sitzkissen und Matten wie sie die Hippieeltern meiner norwegischen Freundin bevorzugten, wären in Arbeiterfamilien undenkbar gewesen, da man in die losen Polster nicht Freiheit hineininterpretiert hätte, sondern Versagertum.

Viele Jahre später stiess ich auf einen Verwandten der massiven Sitzgelegenheiten aus Kindertagen, den Lounge Chair von Eames, jenen schalenförmigen Sessel, der einem Baseballhandschuh nachempfunden war, und seit seiner Erfindung in den 50er Jahren nicht nur zum Designklassiker, sondern zum Erkennungszeichen einer ganzen Gruppe avanciert ist: die der Werber, Texter, PR-Berater, Stylistinnen und Medienschaffenden, halt allen, die von Berufes wegen kreativ sind, ohne Künstler zu sein. Irgendwann habe ich aufgehört mitzuzählen, wie oft mir der Sessel in Wohnungen von Bekannten begegnete.

Es mag seltsam anmuten, dass ich dieses formvollendete Möbel mit den Billigsofas der Siebziger vergleiche, aber das Phänomen dahinter ist dasselbe: Man sucht das grösstmögliche Bekenntnis zur Gruppe mit dem kleinstnötigen Risiko durch Eigensinn. Das Understatement kann dabei noch so gewollt sein, die Sehnsucht dahinter schreit: Seht her, ich habe es geschafft! Ich bin nicht nur in die Klasse derjenigen aufgerückt, die Geld haben, sondern auch Stilbewusstsein. Goldknäufe, Damastvorhänge und Mörderflatscreens sind für Bling-Bling-Rapper oder Fussballer, aber doch nicht für uns, die Marktgemüse und Wortspiele mögen. Ich gehöre im Zug nicht einfach zu denen, die erste Klasse fahren, sondern – um Harald Schmidt zu zitieren, der den Satz wiederum von jemand anderem zitierte, dessen Namen ich mir nicht gemerkt habe – die sich bei den unbeholfenen englischsprachigen Durchsagen des einheimischen Zugpersonals wissend zulächeln. Dort bin ich jetzt. Bei den Besserdenkenden, den Weltgewandten und Belesenen. Den Lena-Hoschek-Trägerinnen, den Dieter-Meier-Rindfleisch-Essern und Paulo-Coelho-Hassern. Wir wissen, wer wir sind, unsere Möbel wackeln nicht, die Welt wackelt schon genug, im Freundeskreis zerbricht eine Ehe nach der anderen, aber im Sessel von Eames ist die Welt wieder in Ordnung. Er ist ein bisschen wie Schlager fürs Ambiente. Für einen kurzen Moment besitzt man – besitzen im wahrsten Wortsinn – ein Stück heile Welt.

Ich selber bin übrigens keinen Deut besser und habe selber eine grosse Schwäche für schöne Möbel, auch für Klassiker, insbesondere für nordisch-filigrane Entwürfe, und der einzige Grund, weshalb ich mir vermutlich nie einen Eames Lounge Chair anschaffen werde, ist der, dass er mich doch zu sehr an die Sonntage auf den massigen Sofas erinnert. Mir geht es hier aber auch nicht um moralische Erhabenheit, sondern darum, nicht nur über die Attitüden von Protzrappern, Goldküstenwitwen oder Agglotussis zu lachen, sondern auch mal über die eigenen, und sich im Klaren darüber zu sein, dass all unsere sorgfältig zusammengetragenen Barcelona-Liegen, Noguchi-Leuchten, Saarinen-Esstische und Panton-Stühle auf einen Aussenstehen- den genauso belustigend wirken wie ein Schulhof voller Tally-Weijl-Jeans.

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Güzin Kar

Güzin Kar

Güzin Kar wurde 1971 in der Türkei geboren und lebt seit ihrem fünften Lebensjahr in der Schweiz. Sie studierte an der renommierten Ludwigsburger Filmakademie und arbeitet heute in Deutschland und der Schweiz als Autorin (u. a. Drehbuch für «Die wilden Hühner») und Regisseurin. Aktuell schreibt sie das Drehbuch zur Forsetzung der Militärkomödie «Achtung, Fertig, Charlie!» und einen neuen Roman.


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